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Kanzeltausch als Zeichen der Einheit

Aktualisiert: vor 1 Tag

Ein Gespräch mit Diakon Felix Zgraggen


Anlässlich der Gebetswoche um die Einheit der Christen geschieht in Thalwil etwas, das für manche selbstverständlich, für andere bemerkenswert ist: Christliche Predigerinnen und Prediger wechseln die Kanzeln. Dieses Jahr fand der Kanzeltausch mit der evangelisch reformierten, katholischen Pfarrei, der Baptistengemeinde und dem Christliche Zentrum Thalwil statt. Sie öffnen einander ihre Gottesdienste – und lassen jeweils andere Stimmen zu Wort kommen.

Doch warum tut man das überhaupt? Bringt das etwas – oder ist es bloss ein ökumenisches Ritual?


Felix Zgraggen: Der Kanzeltausch ist ein bewusstes Zeichen. Er macht sichtbar, dass wir uns trotz unterschiedlicher Traditionen auf denselben Christus hin bewegen. Es geht nicht darum, Unterschiede einzuebnen, sondern einander kennenzulernen – aus der Nähe, nicht aus der Distanz. Sogar in der Handreichung für eine synodale Kirche der Diözese Chur ist der Kanzeltausch als Beispiel genannt.


Wer machte in Thalwil mit

Felix Zgraggen: In Thalwil beteiligen sich 2026 am Kanzeltausch: die evangelisch-reformierte Kirche, die Baptistengemeinde, das Christliche Zentrum Thalwil und die katholische Pfarrei.

Dass diese vier Gemeinden miteinander im Gespräch sind, ist eine grosse Bereicherung und keineswegs selbstverständlich.


Steckt die Ökumene fest

Von aussen betrachtet könnte man meinen, die Ökumene komme nicht recht voran. Es geschieht aber bereits viel gute Zusammenarbeit. Sind wir dabei, voneinander zu lernen?


Felix Zgraggen: «Gott allein weiss…« (lacht). Diese Versuchung, im Gewohnten zu verharren, kennen wir alle. Aber man darf nicht vergessen: Vor 60 Jahren hat man kaum miteinander gesprochen und sich lieber bekämpft. Heute führen wir gemeinsame Veranstaltungen durch, beten gemeinsam, hören einander zu und übernehmen Verantwortung füreinander – das ist ein enormer Fortschritt.

Zugleich stehen alle Kirchen vor ähnlichen Herausforderungen in einer modernen, post-säkularen Welt. Das ist gleichzeitig eine Gunst der Stunde, neu auf Christus zu hören. Wir können einander ermutigen auf dem Weg, Gotteserfahrungen teilen und – wo immer möglich – gemeinsam handeln und feiern.


Ein besonderer Moment in diesem Jahr

Am Samstagabend predigte in der katholischen Kirche Stefan Gisiger von der Baptistengemeinde zu den Lesungen vom Hochfest Taufe des Herrn, dem Abschluss der Weihnachtszeit.


Felix Zgraggen: Mich hat berührt, wie offen und engagiert Stefan gesprochen hat – ohne Berührungsängste, ohne Anpassungsdruck. Er hat sich auf unsere Lesungen vom Fest Taufe des Herrn eingelassen und griff die Aussage aus der Apostelgeschichte auf:

Gott sieht nicht auf die Person – ihm ist in jedem Volk willkommen, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist. Und dann die starke Verbindung zur Taufe Jesu: der offene Himmel, die Stimme Gottes – „Das ist mein geliebter Sohn.“


Taufe des Herrn, Collage Frida Zgraggen
Taufe des Herrn, Collage Frida Zgraggen
Wer folgt Christus heute

Eine Frage blieb besonders hängen: Wer ist heute in dieser Nachfolge? Sind es nur die, die „da vorne“ stehen – oder jede und jeder, der im Alltag Christ ist?

Felix Zgraggen: Diese Frage trifft uns alle. Nachfolge ist keine Rolle, kein Amt, keine Kanzel. Sie geschieht im Alltag. Und genau darin liegt vielleicht das Verbindende über alle Konfessionen hinweg.


Ein schönes Zeichen

Der Kanzeltausch löst nicht alle theologischen Fragen. Aber er schafft Nähe, Vertrauen und gegenseitigen Respekt. Oder, wie man es auch sagen könnte: Allein Gott weiss, was daraus wächst. Aber dass wir einander zuhören, miteinander beten und voneinander lernen – das ist bereits ein starkes Zeichen der Hoffnung.


Zweimal Epheserbrief

Heute wurde in der reformierten Kirche und im Christlichen Zentrum zum gleichen Bibeltext gepredigt:

13 In ihm seid auch ihr, die ihr das Wort der Wahrheit gehört habt, nämlich das Evangelium von eurer Rettung – in ihm seid auch ihr, als ihr gläubig wurdet, versiegelt worden mit dem Heiligen Geist, der verheißen ist, 14 welcher ist das Unterpfand unsres Erbes, zu unsrer Erlösung, dass wir sein Eigentum würden zum Lob seiner Herrlichkeit. (Eph 1,13-14, Lutherbibel)


Felix Zgraggen: Interessant waren die vielen Glaubensgespräche nach den Gottesdiensten, bei Kaffee und Kuchen. Als Oliver Frischknecht später dazu kam, haben wir gleich unsere Predigt Skripts getauscht zum Nachlesen.


Aus dem Skript von Oliver:

«Paulus sagt, dass die Gläubigen versiegelt worden sind mit dem Heiligen Geist der Verheissung. In der damaligen Zeit war ein Siegel ein Zeichen von Eigentum und Sicherheit. Was versiegelt war, gehörte jemandem und stand unter seinem Schutz. Wenn Paulus dieses Bild verwendet, macht er deutlich. Gott selbst bekennt sich zu den Glaubenden. Der Heilige Geist ist nicht nur eine Kraft oder ein Einfluss, sondern Gottes eigene Gegenwart im Menschen. Er bestätigt. Dieser Mensch gehört zu mir.»


Felix Zgraggen: Ich fand es staunenswert, wie der Epheser Hymnus nachsinnt über den Weg des Glaubens auch ausserhalb des Volkes Israel. Wer zum Glauben an Christus kommt, hat Anteil am Erbe Christi, an der Erlösung, auch du und ich! Was macht meine christliche Identität aus – «versiegelt mit dem Heiligen Geist?» - Ist das bloss eine äussere Prägung oder eine Herzensangelegenheit mit all unseren menschlichen Dramen? Bei der Auseinandersetzung mit dem Epheserbrief ist mir aufgegangen, dass der  Hl. Geist mich fortwährend prägen und heilen möchte.

Wann und wo kann er im neuen Jahr zu mir sprechen, mir begegnen und nahe sein?


Mit Diakon Felix sprach ein Gemeindemitglied.


Stefan Gisiger, Jürg-Markus Meier und Felix Zgraggen nach dem ökumenischen Silvestergottesdienst 31.12.25
Stefan Gisiger, Jürg-Markus Meier und Felix Zgraggen nach dem ökumenischen Silvestergottesdienst 31.12.25


 

1 Kommentar

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Gast
vor 2 Tagen
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Es ist wichtig, sich gegenseitig auf dem Weg in der Nachfolge Jesu zu stärken. Danke!

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