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Zwischen Chilbi und Friedenssehnsucht

vor 11 Minuten
3 Min. Lesezeit

Ein aussergewöhnlicher Sonntag in der katholischen Kirche Thalwil


Thalwil, 25. Oktober 2026 – Beschwingte Jahrmarktsmusik, eine bewegende Friedensmesse und eine Predigt mit gesellschaftspolitischem Tiefgang: Der Chilbi-Sonntag in der katholischen Kirche Thalwil verband auf eindrückliche Weise Lebensfreude und Nachdenklichkeit, Glauben und Weltverantwortung.


Die Chilbi gehört zum Leben in Thalwil. Karussells, Marktstände und Jahrmarktvergnügen prägen die Dorfstrasse. Auch in der katholischen Kirche St. Felix und Regula war die Chilbi an diesem Sonntag präsent – allerdings auf eine ganz eigene, musikalische Weise. Organist Andreas Schönenberger eröffnete den gut besuchten Gottesdienst mit beschwingter Jahrmarktsmusik auf der Orgel. Ein ungewöhnlicher, aber ausgesprochen passender Auftakt zu einer Feier, die zwischen heiterer Lebensfreude und spirituellem Ernst pendelte.


Eine Friedensmesse, die unter die Haut ging

Einen besonderen musikalischen Akzent setzte der Cäcilienchor mit der anspruchsvollen Friedensmesse von Karl Jenkins. Die eindringliche Musik erinnert an Krieg, Gewalt, menschliches Leiden und die immer wieder neu zu erringende Hoffnung auf Frieden.

Gerade in einer Welt voller bewaffneter Konflikte, Verfolgung und gesellschaftlicher Spannungen entfaltete diese Musik eine besondere Wirkung. Sie liess die Ernsthaftigkeit der christlichen Botschaft spürbar werden und erinnerte zugleich an das Leiden Christi auf Golgotha.

So entstand eine beinahe mystische Atmosphäre, in der sich die Freude des Glaubens und das Wissen um die Verletzlichkeit menschlichen Lebens begegneten. Auch der nahende November mit Allerheiligen und Allerseelen schien in dieser Stimmung bereits auf.


Dirigent Peter Aregger in seinem Element
Dirigent Peter Aregger in seinem Element

Gottesliebe, Nächstenliebe – und die Liebe zu sich selbst

In seiner Predigt griff Pfarrer Martin Stewen das zentrale christliche Gebot auf: Gott lieben mit ganzem Herzen und ganzer Kraft und den Nächsten wie sich selbst.

Besondere Aufmerksamkeit schenkte er dabei einem oft vernachlässigten Teil dieses Dreiklangs: der Liebe zu sich selbst.

Wer mit Kraft und Begeisterung – oder, wie Stewen es formulierte, mit «Power» – die frohe Botschaft verkünden und am Reich Gottes mitwirken wolle, müsse auch auf sich selber achten. Selbstfürsorge sei keineswegs ein Gegensatz zur christlichen Nächstenliebe, sondern eine ihrer Voraussetzungen. Wer sich dauerhaft überfordere und die eigenen Bedürfnisse missachte, laufe Gefahr, bitter, erschöpft und konflikthaft zu werden.

Eine Botschaft, die gerade für Menschen, die sich beruflich oder ehrenamtlich für andere einsetzen, eine besondere Aktualität besitzt.


Der christliche Glaube ist auch politisch

Doch Stewen blieb nicht beim persönlichen Lebensstil stehen. Ebenso deutlich betonte er die gesellschaftliche und politische Dimension der Botschaft Jesu.

Der christliche Auftrag, Fremde nicht auszunutzen, Schwächere zu schützen und Gerechtigkeit zu ermöglichen, richte sich nicht nur an Einzelne. Er betreffe ebenso wirtschaftliche Strukturen und politische Verantwortung.

Eine Weltwirtschaft, in der sich die einen immer weiter bereichern, während andere benachteiligt oder ausgebeutet werden, lässt sich mit dem christlichen Verständnis von Nächstenliebe und Gerechtigkeit nicht vereinbaren. Auch die Politik stehe in der Verantwortung, gerechtere Rahmenbedingungen zu schaffen. Damit wurde deutlich: Die Botschaft Jesu ist nicht nur eine persönliche Einladung zu einem gelingenden Leben. Sie stellt auch unbequeme Fragen an unsere Gesellschaft und die weltweite Verteilung von Macht und Wohlstand.


Ein Gottesdienst voller Leben

Bemerkenswert war auch die diverse und lebendige Zusammensetzung der Gottesdienstgemeinschaft. Auch nach gut einer Stunde war noch nicht Schluss: Andreas Schönenberger verwandelte die Orgel während rund 15 Minuten in eine klingende Chilbi mit einem schwungvollen Potpourri bekannter Melodien. Viele Besucherinnen und Besucher applaudierten Chor und Organisten und blieben auch nach dem Gottesdienst vor der Türe beisammen und tauschten sich aus.


Ein musikalisches Privileg – und eine Einladung

Besonders berührend war einmal mehr die Musik und die musikalische Leistung des Cäcilienchors. Mit grosser Ausdruckskraft und musikalischer Präzision verlieh er diesem Gottesdienst eine besondere Tiefe. Pfarrer Martin Stewen würdigte ausdrücklich, welch grosses Privileg es für eine Pfarrei sei, über einen Chor dieses Niveaus zu verfügen. Eine solche musikalische Qualität sei keineswegs selbstverständlich.


Umso schöner wäre es, wenn sich weitere Sängerinnen und Sänger motivieren liessen, Teil dieser Gemeinschaft zu werden. Wer Freude am Singen hat und sich für den Cäcilienchor interessiert, darf sich gerne bei Peter Aregger melden.


Cäcilienchor singt aus Karl Jenkins "Messe für den Frieden"
Cäcilienchor singt aus Karl Jenkins "Messe für den Frieden"


So wurde dieser Chilbi-Sonntag zu einem Fest, das über den Augenblick hinaus wirkt: mit Lebensfreude, musikalischem Tiefgang und einer christlichen Botschaft, die gerade angesichts von Krieg, Ungerechtigkeit und der bevorstehenden Red Week, die an Tausende verfolgter Christinnen und Christen erinnert, nichts von ihrer Aktualität verloren hat.


Fotos und Text: Sabine Zgraggen



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